Beziehungs-Rumpeln – warum wir immer wieder aneinander vorbeireden
- Marc Raffler

- vor 5 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

Es beginnt oft mit einer Kleinigkeit. Der falsch eingeräumte Geschirrspüler, ein vergessener Rückruf oder eine beiläufige Bemerkung nach einem langen Arbeitstag.
Eigentlich nichts Dramatisches.
Und trotzdem kann innerhalb weniger Sekunden die Stimmung kippen. Aus einer kleinen Alltagssituation wird plötzlich ein Streit. Man rechtfertigt sich, wird laut, zieht sich zurück oder beginnt, alte Geschichten hervorzuholen.
Und irgendwann fragen sich beide:
„Warum verstehen wir uns eigentlich nicht mehr?“
Dabei liegt das Problem manchmal gar nicht in dem, was gerade passiert ist.
Wir hören nicht nur die Worte des anderen
Wenn wir miteinander sprechen, hören wir nicht nur die Worte. Wir hören auch mit unseren eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Ängsten.
Der Partner sagt vielleicht:
„Warum hast du mir nicht zurückgerufen?“
Für ihn ist es vielleicht einfach eine Frage.
Beim anderen kommt aber etwas ganz anderes an:
„Du bist unzuverlässig.“
Oder:
„Auf dich kann man sich nicht verlassen.“
Und schon entsteht eine Reaktion, die viel stärker ist, als es die eigentliche Situation erklären würde.
Wir reagieren dann nicht nur auf das, was gesagt wurde, sondern auch auf die Bedeutung, die wir ihm geben.
Der unsichtbare Rucksack aus der Vergangenheit
Jeder Mensch trägt Erfahrungen aus seinem bisherigen Leben mit sich herum.
Manche sind schön, andere haben uns geprägt oder verletzt.
Wenn wir früher beispielsweise häufig kritisiert, abgelehnt oder nicht ernst genommen wurden, können ähnliche Situationen später besonders empfindlich auf uns wirken.
Ein bestimmter Tonfall, ein Blick oder ein Satz kann dann genügen, um ein altes Gefühl zu aktivieren.
Plötzlich sind wir wütend, fühlen Druck im Körper, ziehen uns zurück oder müssen uns unbedingt rechtfertigen.
Der Partner hat vielleicht nur einen Satz gesagt.
Aber in uns ist etwas viel Grösseres in Bewegung geraten.
Der pinke Elefant
Vielleicht kennst du das Bild vom pinken Elefanten.
Wenn ich sage:
„Denke jetzt auf keinen Fall an einen pinken Elefanten.“
Was passiert?
Wahrscheinlich siehst du ihn sofort vor deinem inneren Auge.
Dieses Bild gefällt mir auch im Zusammenhang mit unseren Gefühlen.
Manchmal bringen wir einen solchen „pinken Elefanten“ in unsere Beziehung mit. Ein altes Gefühl wird durch eine aktuelle Situation plötzlich wieder lebendig.
Und dann kämpfen wir möglicherweise gegen etwas, das eigentlich gar nicht im Raum ist.
Wir glauben, wir streiten über den Geschirrspüler oder den vergessenen Rückruf.
In Wirklichkeit geht es vielleicht um etwas ganz anderes.
Angriff oder Rückzug
Wenn alte Gefühle aktiviert werden, reagieren Menschen häufig unterschiedlich.
Der eine geht in den Angriff: Er wird laut, kritisiert oder versucht, sich durchzusetzen.
Der andere geht in den Rückzug: Er wird still, beendet das Gespräch oder zieht sich emotional zurück.
Beide versuchen möglicherweise, sich selbst zu schützen.
Doch genau daraus kann ein Teufelskreis entstehen:
Je mehr der eine angreift, desto mehr zieht sich der andere zurück. Und je mehr sich der andere zurückzieht, desto stärker fühlt sich der erste nicht gehört.
Und schon beginnt das nächste Beziehungs-Rumpeln.
Ein Beispiel aus meiner Praxis
Ein Klient – nennen wir ihn Thomas – kam zu mir, weil Diskussionen mit seiner Partnerin immer wieder eskalierten.
Oft ging es um ganz normale Alltagsthemen. Doch sobald seine Partnerin Kritik an ihm äusserte, spürte er einen starken Druck in der Brust. Er wurde gereizt und begann sofort, sich zu verteidigen.
Im Verlauf unserer Arbeit zeigte sich, dass dieser Druck mit einem alten Gefühl aus seiner Kindheit verbunden war:
dem Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Seine Partnerin löste dieses Gefühl nicht bewusst aus. Aber bestimmte Situationen reichten aus, um es wieder zu aktivieren.
Thomas kämpfte deshalb in diesen Momenten nicht wirklich gegen seine Frau.
Er kämpfte gegen ein altes Gefühl in sich selbst.
Warum der Verstand manchmal nicht reicht
Vielleicht kennst du das selbst.
Du weisst genau:
„Ich sollte mich nicht so aufregen.“
„Eigentlich meint mein Partner das gar nicht böse.“
Und trotzdem passiert es wieder.
Der Grund ist einfach: Gefühle sind schneller als unser Verstand.
Wir können eine Situation logisch verstehen und trotzdem emotional ganz anders darauf reagieren.
Deshalb reicht es manchmal nicht, sich einfach vorzunehmen, beim nächsten Mal ruhiger zu bleiben.
Manchmal muss man sich anschauen, was hinter der Reaktion steckt.
Gefühle dürfen sich verändern
Genau hier setze ich in meiner Arbeit unter anderem die SEG-Technik – Selbst-Erfahrung der Gefühle ein.
Dabei geht es nicht darum, Gefühle wegzudrücken oder sie einfach mit dem Verstand zu analysieren.
Ich verwende dafür gerne das Bild eines Eisblocks:
Was festgefroren und schwer auf der Brust oder den Schultern liegt, muss nicht für immer so bleiben. Durch die Selbsterfahrung darf dieser Eisblock schmelzen und sich verflüssigen – in einen kleinen Bach, einen See oder das weite Meer. Über Verdunstung steigen die Emotionen als Wasserdampf auf, bilden Wolken und kehren schliesslich als reinigender Regen in den natürlichen Kreislauf zurück.
Sobald die festgehaltene Energie wieder frei fliessen kann, verliert der alte Trigger seine Macht – und wirkt nicht mehr blockierend, sondern konstruktiv.
Wie genau dieser Prozess aussieht und was dabei individuell zum Vorschein kommt, ist bei jedem Menschen unterschiedlich.
Und genau deshalb lohnt es sich manchmal, solche Muster nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern sie persönlich anzuschauen.
Vielleicht liegt die Lösung nicht beim anderen
Wenn wir in einer Beziehung immer wieder an derselben Stelle aneinandergeraten, suchen wir die Ursache verständlicherweise häufig beim Partner.
„Er müsste sich ändern.“
„Sie müsste mich endlich verstehen.“
Vielleicht lohnt sich aber manchmal eine andere Frage:
„Was wird eigentlich gerade in mir ausgelöst?“
Denn unseren Partner können wir nicht verändern.
Uns selbst können wir verstehen lernen.
Eine gute Beziehung bedeutet nicht, dass man sich niemals streitet oder immer einer Meinung ist.
Entscheidend ist vielmehr, ob wir bereit sind, uns selbst und den anderen immer wieder besser zu verstehen.
Vielleicht ist der nächste Streit deshalb nicht nur ein Problem.
Vielleicht ist er auch ein Hinweis auf etwas, das in uns gesehen werden möchte.
Und vielleicht beginnt die Veränderung nicht mit der Frage:
„Warum versteht mein Partner mich nicht?“
Sondern mit der Frage:
„Was gibt es in mir, das ich selbst noch besser verstehen darf?“
Denn manchmal müssen wir nicht den anderen verändern.
Manchmal reicht es, wenn wir unseren eigenen „pinken Elefanten“ erkennen.
Und wenn dieser kleiner wird, wird vielleicht auch das Beziehungs-Rumpeln leiser.
Ich hoffe, dieser Blogbeitrag hat dir einen etwas anderen Blick auf Beziehungsprobleme gegeben. Und vielleicht erkennst du dieses Muster nicht nur in deiner Partnerschaft wieder, sondern auch in anderen Beziehungen – zum Beispiel im Verhältnis zu deiner Mutter, deinem Vater, deinen Geschwistern, Freunden oder auch im beruflichen Umfeld. Denn auch dort können alte Erfahrungen und Gefühle beeinflussen, wie wir auf bestimmte Menschen oder Situationen reagieren.
Vielleicht hilft dir beim nächsten Streit oder Konflikt schon eine kleine Frage:
„Reagiere ich gerade wirklich auf das, was der andere gesagt hat – oder auf etwas, das dieses Gesagte in mir ausgelöst hat?“
Bis bald – vielleicht persönlich in meiner Praxis oder beim nächsten Blogartikel.
Mit herzlichen Grüssen
Marc Raffler
Mentalcoach & Hypnosetherapeut
PS: Wenn du künftig keinen Blogbeitrag rund um mentale Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung und praktische Impulse mehr verpassen möchtest, trag dich gerne hier ein: 👉 www.marcraffler.ch/kontakt


